In meinem Kopf ist immer viel los

Ich lasse mich SEHR leicht von äußeren Einflüssen ablenken. Gleichzeitig finde ich auch Beschäftigungen, die vermeintlich wichtiger sind, als das, was ich eigentlich gerade machen wollte. Und zack, bin ich mittendrin in einer Aufgabe, die eigentlich überhaupt keine Priorität hatte, während mein ursprünglicher Plan irgendwo auf der Strecke geblieben ist. Ich habe lange gebraucht, um diese Eigenschaft an mir zu akzeptieren. Denn natürlich gehört genau das auch irgendwie zu meiner Persönlichkeit und meiner Kreativität. Mein Kopf ist ständig auf Empfang, verbindet Dinge miteinander, springt von einem Gedanken zum nächsten. Dabei stehe ich mir dadurch oft selbst im Weg oder biege falsch ab und verurteile mich im Nachhinein dafür, dass ich nicht so kreativ oder produktiv oder erfolgreich wie andere bin. Und das alles kostet unwahrscheinlich viel Energie, die mir an anderen Stellen dann wieder fehlt.

Damit das nicht immer wieder automatisch passiert, versuche ich mich selbst auszutricksen. Hier also ein paar der Strategien, die ich mir in den vergangenen Jahren erarbeitet habe und die mir helfen. Und nein: Ich schaffe es natürlich nicht, sie zu 100 Prozent selbst zu befolgen. Und sie sorgen auch nicht dafür, dass ich plötzlich nicht mehr ablenkbar bin. Mein Gehirn ist weiterhin voll, ich schweife auch weiterhin ab und verschiebe Dinge. Manchmal lande ich auch nach wie vor bei einer Aufgabe, die überhaupt nicht auf meinem ursprünglichen Plan stand. Aber die Strukturen helfen mir dabei, schneller wieder zurückzufinden. Sie geben meinem Kopf ein bisschen Orientierung und meinem Nervensystem die Möglichkeit, einen Schritt zurückzutreten.

Für neurotypische Menschen mag das an der einen oder anderen Stelle vielleicht etwas übertrieben klingen. In Gesprächen mit anderen Hochsensiblen mache ich jedoch immer wieder die Erfahrung, dass genau diese Strukturen und Hilfsmittel im Alltag einen echten Unterschied machen können.

Vielleicht ist etwas dabei, das dir hilft. Vielleicht funktioniert für dich aber auch etwas überhaupt nicht, und beides ist völlig okay. Probier dich aus und lerne dich selbst besser kennen. Wenn dich fixe Abläufe stressen oder eher einengen, dann lass sie weg. Es geht nicht darum, irgendeine perfekte Routine zu finden, sondern herauszufinden, was DIR guttut und wie DU am besten arbeiten und leben kannst. Und vor allem, ohne dich dafür zu verurteilen oder dich zu ärgern, wenn es mal nicht so läuft wie geplant.

Ich bin gespannt, ob du dich in manchen Punkten wiedererkennst!

Routinen

Mein Morgen sieht meistens ähnlich aus und folgt einem festen Ablauf. So muss ich nicht jeden Tag neu überlegen, was eigentlich ansteht, sondern weiß von vornherein, wie mein Tag ungefähr aufgebaut ist. Ich versuche, Krafttraining (ja ja, Frau ab 40, if you know, you know 😉) fest in meinen Alltag einzuplanen. Auch für die Social-Media-Planung und andere wiederkehrende Aufgaben habe ich feste Zeitslots. Und regelmäßig verabrede ich mich zum Coworking.

Ich wiederhole auch Dinge, von denen ich weiß, dass sie mir guttun, denn wenn ich sie nicht regelmäßig mache, verschwinden sie in den Weiten meines Gehirns und irgendwann stolpere ich wieder darüber und denke: „Oh, was für eine tolle Technik!“ Nur um dann festzustellen: Ach ja, die kannte ich ja schon. Bestes Beispiel: Entspannungstechniken und Rückenübungen. Wenn ich dafür keinen festen Platz in meinem Alltag habe, verliere ich sie irgendwann aus den Augen und wundere mich anschließend über Rücken- oder Kopfschmerzen.

Was nirgends steht, existiert nicht

Ich vergesse Dinge. Ob aufgrund beginnender Wechseljahre und Brain Fog, wegen Mental Load, weil gerade einfach zu viel im Kopf ist oder aus irgendeinem anderen Grund…wer weiß das schon. Deshalb gilt: Ich notiere mir ALLES.

Im Alltag fallen mir beispielsweise Dinge ein, die ich einkaufen muss: Butter, Staubtücher, ein neues Sägeblatt, Bleistifte für die Schule … Zack auf einen Zettel geschrieben, der seinen festen Platz am Herd hat. Und zwar sofort. Ansonsten ist der Gedanke wieder weg und ich stehe im Laden und habe die Hälfte von dem was fehlt, nicht mehr parat. Dafür landen garantiert einige andere Dinge im Einkaufswagen, die ich überhaupt nicht brauche.

Natürlich kann man das auch wunderbar digital über eine Einkaufslisten-App lösen. Für mich funktioniert das allerdings nicht annähernd so gut wie mein Zettel am Herd. Warum? Weil ich ihn SEHE. Die App auf meinem Handy verschwindet irgendwann aus meinem Bewusstsein und damit auch die Einkaufsliste.

Termine

Kalender 2026

Ich trage alles in meinen Oldschool-Papier-Kalender ein und kann auf einen Blick sehen, was im Laufe der Woche ansteht und wo noch Zeitfenster sind, um Dinge zu verschieben oder unterzubringen. Ich mache das bewusst in meinen Papierkalender, denn auch den SEHE ich. Meinen Laptop oder mein Handy sehe ich zwar als physisches Gerät auch, aber die Kalenderfunktion ist halt eine Anwendung, die ich gerne vergesse.

Ich mache die Kalendereinträge auch für Pausen und schöne Dinge, denn genau die würde ich sonst erstaunlicherweise am ehesten streichen. Wenn eine Freundin und ich etwas ausmachen und ich meinen Kalender gerade nicht dabeihabe, bitte ich sie, mir den Termin noch einmal per WhatsApp zu schicken um es nachzutragen.

Erinnerungen und Wecker

Mein Handy und mein Rechner sind für mich gleichzeitig Helfer und Ablenkungsquelle. Eine Sache, für die ich sie aber sehr gerne nutze, sind Erinnerungen und Wecker. Ich lasse mich beispielsweise erinnern:

Gerade der letzte Punkt ist leider etwas, das ich ziemlich zuverlässig vergessen kann. Ich hoffe, mein Freundeskreis sieht es mir nach..

To-do-Listen und Ideenfetzen

Meinem Kopf hilft es enorm, Dinge aufzuschreiben und die 1000 Gedanken rauszulassen. Ich habe gefühlt zehn schöne Notizbücher und kritzle dennoch immer meine To-dos und Gedanken auf kleine Zettel, die gerade verfügbar sind. Ich habe mir jedoch angewöhnt, diese Zettel einmal am Tag zusammenzufassen auf EINEM Zettel und dann zu priorisieren, was überhaupt ein To-do ist, was davon wie zeitkritisch ist und was nur ein Gedanke oder eine Idee ist, die ich nicht vergessen möchte. So hat mein Gehirn das Gefühl: Die Information ist nicht weg und ich kann sie bei Bedarf später wiederfinden. Ob ich diese Informationen dann tatsächlich irgendwann wieder nutze und damit weiterarbeite, sei mal dahingestellt, aber zumindest sind sie nicht verloren.

Die To-dos unterteile ich in kleine, konkrete Schritte um ein Erfolgserlebnis beim Abhaken zu haben. Das bedeutet zwar, dass die Liste plötzlich ziemlich lang aussieht, aber dafür sind die einzelnen Aufgaben viel machbarer. Also nicht: „Heute das Haus putzen.“

Sondern:

Die Liste erinnert mich außerdem daran, bei einer Sache zu bleiben. Denn oft fange ich an zu staubsaugen, finde im Schlafzimmer dann den ‚Klamottenstuhl‘, um den ich rumsauge. Dann fange ich aber doch an die Klamotten zu sortieren, habe einen Berg dunkler Schmutzwäsche, bringe den in den Keller zur Waschmaschine, finde dort die leere Waschmittelflasche, nehme sie mit hoch in den gelben Sack, bringe den raus zur Mülltonne, ah morgen ist Abfuhr, stelle noch schnell die Bio-Tonne mit raus an die Straße, in der Bio-Tonne ist aber noch Platz, also rupfe ich noch etwas Unkraut, wäre ja blöd eine halb volle Tonne rauszustellen…und der Staubsauger wartet weiter geduldig auf seinen weiteren Einsatz.

Ich war in dieser Zeit definitiv nicht unproduktiv. Ich habe sogar eine ganze Menge erledigt, was irgendwann getan werden muss, nur leider nicht das, womit ich angefangen habe. Und genau das frustriert mich manchmal. Denn am Ende sieht es immer noch aus wie Sau, der Staubsauger steht herum und rund um den Klamottenstuhl liegt inzwischen noch mehr Wäsche.

Prokrastination und Rückwärtswecker

Wie bereits erwähnt, schiebe ich die Dinge gerne auf nach dem Motto „Wenn es zeitkritisch wird, werde ich es schon priorisieren…“. Oder ich finde andere ‚wichtige‘ Aufgaben. Was mir erstaunlicherweise hilft, mich zu fokussieren und anzufangen, ist, laut mit mir selbst zu sprechen. Fühlt sich verwirrt an, aber scheint zu klappen. „Ich fange jetzt an! Ich lege das Handy nun weg und schreibe meinen Blogbeitrag für die nächsten 40 Minuten. Los geht’s“. Dann stelle ich meinen Rückwärtswecker. Das ist ein Timer, der mir visuell anzeigt, wie viel Zeit ich noch habe bzw. konzentriert arbeiten möchte. Und wenn ich diese 40 Minuten wie geplant konzentriert gearbeitet habe, gönne ich mir eine Belohnung. Sei es ein Kaffee, durchatmen im Garten, eine Runde Rückenübung, ein Spaziergang ….

Eine bewusste Pause.

Rückwärtswecker Timer

Zeit fürs Nichtstun einplanen (und auch umsetzen!)

Meine größte Challenge ist es, die Seele baumeln zu lassen. Denn Nichtstun fühlte sich für mich lange Zeit nach ‚faul sein‘ an und faul wollte ich auf keinen Fall gelten. Dabei entstehen die besten Ideen ja in der Entspannung…unter der Dusche, kurz vorm Einschlafen, beim Spazieren im Wald. Mein Nervensystem hatte jedoch nie gelernt, wie entspannen geht. Ich war jahrelang in permanenter Übererregung und Wachsamkeit. Entspannung und die dazu passenden Techniken musste ich erst lernen. Und bis heute fällt es mir schwer, mir die Ruhe nicht erst dann zu gönnen, wenn mein Körper schon laut um Hilfe schreit und mich eine Migräne-Attacke komplett aus dem Verkehr zieht. Also plane ich mittlerweile auch Nichtstun und Seele-baumeln-lassen bewusst ein. Alleine funktioniert das inzwischen ziemlich gut. In Gesellschaft habe ich dagegen immer noch das Gefühl, beschäftigt wirken zu müssen. Daran arbeite ich.

Reizarme Umgebung, Hyperfokus und Perfektionismus

Da ich mich ja schnell ablenken lasse, macht es Sinn, in einer reizfreien Umgebung zu arbeiten. Wobei ‚reizarm‘ bei mir relativ ist, denn ich finde gefühlt überall etwas, das mich ablenken kann und wenn es sein muss, ist es eben der Staub auf meinem Laptop. Also hole ich ein Staubtuch aus der Küche und bin schon wieder weg vom Rechner. Hier habe ich gelernt, achtsamer mit meinen Gedanken zu sein und nicht direkt jedem Impuls zu folgen, sondern den Fokus zu halten. Und manchmal kostet mich allein das bewusste Gegensteuern schon ziemlich viel Energie.

Wenn ich konzentriert arbeiten möchte, brauche ich zudem eine handyfreie Umgebung. Meine Hand greift sonst automatisch zwischendurch zum Handy und ich checke fast unterbewusst, ob neue Nachrichten gekommen sind. Diese Handysucht ärgert mich selbst und ich versuche mir abzugewöhnen permanent erreichbar zu sein und auch ständig das Handy verfügbar zu haben. Ebenfalls schließe ich mein Mailprogramm, damit ich nicht zwischendurch meine Mails checke .

Auf der anderen Seite gerate ich, wenn ich denn mal dann konzentriert arbeite, in einen Hyperfokus. Ich bin dann so konzentriert und inspiriert und produktiv, dass ich einen Blogartikel am Stück runtertippe, recherchiere, korrigiere, dass ich gar nicht merke, wie die Zeit vergeht, Essen und Trinken vernachlässige und auch meine Körperhaltung nicht verändere. Für meine Migräne und meinen Rücken ist das natürlich ziemlich kontraproduktiv. Deshalb steht mittlerweile immer ein Glas Wasser neben meinem Rechner und ich stelle mir den Rückwärtswecker auch für Trink- und Bewegungspausen. Zu denen muss ich mich dann fast zwingen,  weil ich so stolz und euphorisch bin, dass ich so produktiv bin und nicht aufhören möchte.

Und: Ich versuche meinen Perfektionismus zu zügeln. Ich traue mich bewusst, Artikel zu veröffentlichen, die vielleicht noch Rechtschreibfehler haben oder in denen mir eine Formulierung nicht zu 100 Prozent gefällt. Denn sonst drehe ich mich im Kreis und verbrauche Energie an Stellen, an denen andere Menschen einfach machen. Fehler dürfen sein und ich möchte lernen, großzügiger zu mir selbst zu sein.

Coworking

Seit ich selbstständig bin, fehlt mir eine gewisse Struktur von außen. Ich habe keine festen Arbeitszeiten und niemand steht neben mir und sagt: „Das musst du bitte bis heute Nachmittag erledigt haben.“ Auf der einen Seite ist das eine unglaubliche Freiheit, die ich sehr schätze und auch brauche. Auf der anderen Seite kann genau diese Freiheit an manchen Tagen auch eine ziemliche Überforderung sein. Denn wenn die äußere Struktur fehlt, verliere ich mich gerne in Einzelheiten.

Deshalb verabrede ich mich regelmäßig mit anderen Selbstständigen zum digitalen Coworking. Wir besprechen kurz, was gerade ansteht und was wir in der kommenden Stunde schaffen möchten. Dann geht jede an ihrem eigenen Laptop an die Arbeit. Und tatsächlich klappt das! Diese Methode ist auch als Body-Doubling bekannt. Manchmal reicht es tatsächlich schon, dass eine andere Person anwesend ist oder zusieht, damit ich eine Aufgabe endlich anfange oder zu Ende bringe.

Feste Plätze

Dinge in der Wohnung haben einen festen Platz. Ich weiß, wo der Auto- und Haustürschlüssel auf dem Schuhschrank liegt. Mein aktuell genutzte Handtasche hat ihren festen Platz im Flur und die 5 bis 100 anderen haben ihren festen Platz im Schrank und wenn ich wechsle, tausche ich die Taschen. Inkl. der drei kleinen Innentäschchen, man weiß ja nie was man alles so braucht. Daher schleppe ich tendenziell zu viel mit mir rum, aber dafür sortiert nach Thema in Untertaschen, haha. Das macht das Umräumen von einer zur anderen Handtasche aber tatsächlich leichter.

Mein Handyladekabel liegt in der Kabelkiste, in der auch die anderen Kabel für Toniebox etc. liegen und ich nutze zu 90% immer die gleiche Steckdose zum Laden, denn dann bleibt das Kabel auch dort und ich suche mein Handy nicht immer an anderen Stellen.

Auch wichtige Unterlagen haben einen festen Platz im Sinne von einer großen Kiste. Natürlich wäre es praktischer, wenn ich es schaffen würde sie sofort im richtigen Ordner abzuheften. Soweit bin ich noch nicht. Aber zumindest weiß ich, in welcher Box ich kramen muss, um die Unterlagen für die Steuer im letzten Jahr zusammenzusuchen. Ich hasse es dennoch….

Kopf-Gespräche

Früher hat es mich unglaublich viel Energie gekostet, Gespräche und Begegnungen zu verarbeiten und bin diese in endlosen Schleifen wieder und wieder durchgegangen. Was hat die andere Person damit gemeint? Warum hat sie das so gesagt? Wie war diese Reaktion gemeint? Habe ich etwas Falsches gesagt? Was hätte ich besser antworten können? Und natürlich habe ich mir dann auch noch nachträglich die vermeintlich perfekte Antwort überlegt, was natürlich völlig sinnlos war, aber es passierte automatisch.

Mittlerweile kann ich das besser steuern und akzeptieren, dass vergangene Begegnungen in der Vergangenheit liegen und ich sie nicht mehr verändern kann. Und wenn ich mir bei einer Sache unsicher bin, dann frage ich bei meinem Gegenüber nach, wie etwas gemeint war, bevor ich es falsch interpretiere oder mich lange gedanklich damit beschäftige und belaste.

Mit dem Zyklus leben

Als Frau bin ich ein zyklisches Wesen und diese Phasen bestimmen meinen Alltag. Die zusätzliche Migräne zeigt mir das immer noch einmal obendrauf. In einer Migränephase kann ich sowieso nicht produktiv arbeiten, ganz egal, wie viele To-do-Listen oder Hilfsmittel ich mir zurechtgelegt habe.

Auch hier hat es sehr lange gedauert, bis ich mir selbst erlauben konnte, meine Leistungsfähigkeit in Zyklen zu sehen und zu leben. Es gibt Zeiten, in denen ich energiegeladen, konzentriert und kreativ bin und es gibt Phasen der Ruhe und der Pause. Und es gibt leider auch immer wieder Schmerzphasen, in denen Dunkelheit und Tabletten mein Leben bestimmen.

Diese verschiedenen Phasen zu erkennen und aktiv anzunehmen, war ein Gamechanger, besonders in einer Schmerzphase, wenn zusätzlich die Stimmung im Keller ist und ich denke: „Ich werde NIE wieder etwas arbeiten können.“ Denn ich weiß inzwischen aus Erfahrung: Es kommen auch wieder andere Phasen. Phasen, in denen mir Dinge leichter fallen, in denen ich Ideen habe und in denen ich produktiv bin. Und genau darauf versuche ich zu vertrauen mittlerweile. Die Selbstständigkeit ermöglicht es mir zum Glück, manche Aufgaben entsprechend zu verschieben, bis sie für mich wieder leichter umsetzbar sind.

Fazit

Mit den richtigen Tools und Routinen komme ich an den meisten Tagen ziemlich gut durch meinen Alltag. Vielleicht brauchst du all das überhaupt nicht. Vielleicht ist es dir viel zu viel. Vielleicht brauchst du ganz andere Strukturen. Und genau darum geht es. Es gibt nicht DIE richtige Routine.

Ich habe gelernt, mich mit meinen vermeintlichen Macken ein Stück weit anzunehmen und meinen Alltag und meine Umgebung so zu gestalten, dass sie zu mir passen. Und ja, manche Ausprägungen sind auch typisch für ADHS. Meine bisherigen neurologischen Tests waren allerdings nicht eindeutig, weshalb ich keine ADHS-Medikamente nehme. Was ich sicher weiß: Ich nehme sehr viel wahr und mein Gehirn ist reizoffener. Ich bin Migränepatientin. Und ich möchte lernen, damit bestmöglich umzugehen. Nicht, indem ich versuche, mich selbst in eine Form zu pressen, die nicht zu mir passt, sondern indem ich herausfinde, was ich brauche.

Und genau das wünsche ich auch dir:

Probier dich aus. Beobachte dich. Lerne dich kennen. Verändere, was dir nicht guttut. Behalte, was funktioniert. Finde DEINEN Weg.

Denn:

DU BIST GENAU RICHTIG, WIE DU BIST! ❤️

Möchtest du mehr über Hochsensibilität und die für dich passenden Routinen und Strukturen erfahren? Dann nutze meine Beratung oder die der anderen Großen Schwestern. Jede von uns hat ihren eigenen, individuellen Schwerpunkt und steht dir gerne zur Seite.

Portrait von Miriam von dem Bruch, Mentorin in unserem Große Schwester Netzwerk für Hochsensibilität.

Über mich

Ich bin Miriam, Mutter, Ehefrau, selbständig und weiß erst seit ein paar Jahren, dass meine Art zu denken und fühlen zwar anders, aber nicht ‚kaputt‘ ist.

HIER kommst du zu meinem Profil und meinem Angebot.

Vielfalt verstehen: Wie Ayurveda und die passende Ernährung dich bei Hochsensibilität unterstützen können

Jeder Mensch hat eine eigene Art zu denken, zu lernen, wahrzunehmen und zu fühlen. Jedes Nervensystem verarbeitet Reize anders. Diese Unterschiede sind ein normaler Teil menschlicher Vielfalt. Dies wird als Neurodiversität bezeichnet. Im Spektrum der Neurodiversität finden wir auch neurodivergente Formen wie ADHS, Autismus, Hochsensibilität und Dyslexie. Der neurodivergente Ansatz betrachtet diese Unterschiede nicht als Störung oder Defizit, sondern als Variante mit eigenen Stärken und Herausforderungen.

Ayurvedisches Gericht auf Teller angerichtet auf Tisch

Dieses Konzept, dass neurologische Unterschiede natürlich sind und keine Krankheit darstellen ist nicht gänzlich neu. Ayurveda das älteste Gesundheitssystem der Welt verfolgt eine ähnliche Idee. Die Wurzeln des Ayurveda, wörtlich übersetzt, das Wissen vom Leben, liegen in Indien. Die Ursprünge sind in den 5000 Jahre alten Veden und der Sankhya-Philosophie zu finden. Doch deshalb ist Ayurveda keineswegs nur ein rein philosophisches oder spirituelles Konzept. Auch wenn Ayurveda vor allem auf die Gesunderhaltung also die Prävention wert legt, kennt die Ayurvedamedizin Anatomie, Pathologie und Diagnostik. Therapien wie die Chirurgie, Anästhesie, Toxikologie und Ausleitungsverfahren wurden schon vor Jahrtausenden praktiziert. Sogar die Ursprünge der Akupunktur liegen in diesem Medizinsystem. Ebenso haben Kräuter- und Ernährungsheilkunde und Psychotherapie ihren Platz darin. Das, was Ayurveda von der westlichen Medizin im Wesentlichen unterscheidet, ist der ganzheitliche Ansatz. In erster Linie geht es um den einzelnen Menschen und sein Gleichgewicht.

Im Ayurveda wird jeder Mensch individuell betrachtet. Jeder hat nach ayurvedischer Sichtweise eine ganz ihm eigene individuelle Konstitution, die sich sowohl auf den Körper als auch auf den Stoffwechsel und das Nervensystem bezieht. Im Falle einer Störung möchte Ayurveda nicht angleichen, sondern die eigene individuelle Balance wieder herstellen. Dies geschieht in erster Linie präventiv über den Lebensstil und die Ernährung. Da sowohl Lebensstil als auch Ernährung direkten Einfluss auf den Körper, das Nervensystem und somit auch auf den Geist haben, kann die richtige Ernährung helfen, Energie zu stabilisieren und das innere Gleichgewicht zu unterstützen.

Drei Doshas und drei Gunas

Die Grundlage dieser individuellen Konstitution im Ayurveda ist das System der drei Doshas – Vata, Pitta und Kapha, sowie den drei Gunas – Sattva, Rajas und Tamas. Jeder Mensch hat von Geburt an, eine eigene individuelle Verteilung dieser Kräfte. Dies beeinflusst, wie er denkt, handelt und fühlt und ebenso, was er braucht.

Gerade im Zusammenhang mit Neurodiversität und Neurodivergenz kann dieser Aspekt spannend sein, da er nicht bewertet, sondern Verständnis schafft.

Vata

Vata ist das Dosha dem die Elementen Luft und Raum zu Grunde liegen. So wie die Eigenschaften dieser beiden Elemente ist auch das Vatadosha – weit, klar, schnell, beweglich, kalt und flüchtig.

Auf den menschlichen Körper übertragen finden wir Vata überall dort, wo Raum und Bewegung ist. Alle Hohlräume, Gelenke, das Lungensystem und vor allem das blitzschnelle Nervensystem werden von Vata dominiert. Ein Mensch in dem Vata sehr aktiv ist, ist von Natur aus schnell im Denken, Reden und Handeln. Er ist kreativ, neugierig und sensibel. Gerät das Vata aus der Balance kann dies zu Überstimulation, Nervosität, Ängsten, Unruhe und Erschöpfung führen.

Ayurvedische Suppen in Schüsseln angerichtet auf Tisch

Regelmäßigkeit, Pausen und warme Mahlzeiten können das System wieder in die Balance bringen.

Für den trockenen Vatatyp geeignet sind vor allem Suppen, Saucen und Porridges.

Viele neurodivergente Menschen erkennen sich sicher in Teilen dieser Beschreibung wieder – besonders bei Themen wie Reizverarbeitung, Gedankensprüngen oder intensiver Kreativität.

Pitta

Pitta ist das Dosha dem die Elemente Feuer und Wasser zu Grunde liegen. Im Körper werden Stoffwechselfunktionen, Intelligenz und das Hormonsystem von Pitta reguliert. Also alle Vorgänge die mit Wandlung, Transformation und Wärme zu tun haben.

Menschen mit hohem Pittaanteil können tief in Themen eintauchen, sind intelligent und haben in der Regel eine gute Konzentrationsfähigkeit.

Ayurvedisches Gericht auf Teller angerichtet auf Tisch

Gerät das Pitta aus dem Gleichgewicht hat dies Stress, Gereiztheit und Ärger zur Folge.

Wieder in die Balance bringt man ein überhöhtes Pitta durch kühlende Nahrungsmittel, Bitterstoffe und Sport. Die starke Pittaverdauung verträgt auch einen Salat zum Mittagessen.

Viele neurodivergente Menschen berichten von Hyperfokus-Phasen, intensiven Spezialinteressen oder sehr klar strukturiertem Denken – Aspekte, die typische Pitta-Qualitäten sind.

Kapha

Kapha, das Dosha, dem Erde und Wasser als Elemente zugeordnet werden, hat unter anderem die Eigenschaften langsam, zäh, kalt und schleimig. Routine, Struktur und Stabilität sind ganz typisch für Kapha. Das betrifft auch den Körper. Alles, was den eigentlichen Körper bildet, wie Knochen, Fett und Bindegewebe gehören zu diesem Dosha, sowie die Schleimhäute, die dem Kapha zugeordnet werden.

Ein Mensch mit einem hohen Kaphaanteil ist strukturiert, geerdet, mit einem guten Gedächtnis und einem guten Immunsystem gesegnet. Übernimmt das Kapha aber die Oberhand gerät das System aus der Balance. Dann dominieren Übergewicht, Trägheit und Antriebslosigkeit.

Regelmäßige Bewegung, Wärme und anregende, leichte Speisen halten Kapha im Gleichgewicht. Kapha setzt im Idealfall auf leichte Speisen, bittere Gemüsesorten und scharfe Gewürze.

Im neurodivergenten Kontext können Kapha-Qualitäten beispielsweise bei Menschen sichtbar sein, die stark routineorientiert arbeiten, tiefe Ausdauer in Spezialinteressen entwickeln oder ein besonders stabiles Gedächtnis besitzen.

Das mentale Gleichgewicht der Gunas

Neben den körperbetonten Doshas, beschreibt Ayurveda auch drei grundlegende Qualitäten des Geistes, die sogenannten Gunas – Sattva, Rajas und Tamas. Anders als die Doshas, die unsere individuelle und unveränderbare Natur ausmachen, sind die drei Gunas in ständigem Wandel.

Dabei steht Sattva für die Harmonie, Ruhe, Klarheit und die Balance. Rajas ist aktiv, beschreibt Bewegung und Energie. Tamas ist das Gegenteil davon, es steht für Schwere und Trägheit. Alle drei Qualitäten gehören zum menschlichen Erleben und sollten sich auf gesunde Weise abwechseln.

Im Beruf dominiert Rajas und wir sind aktiv, im Schlaf dominiert Tamas. Sattva hält diese gesunden Qualitäten im Gleichgewicht. Jedoch können, ähnlich wie die Doshas, auch die Gunas aus der Balance geraten. Besonders auch bei neurodivergenten Menschen können stärkere Schwankungen auftreten – zum Beispiel zwischen Phasen intensiver Aktivität und Phasen tiefer Erschöpfung.

Ayurveda versucht nicht, diese Dynamik zu unterbinden, sondern fragt:
Wie kann mehr Sattva, also mehr Gleichgewicht, entstehen?

Ein wichtiger Faktor ist auch hier wieder die Ernährung. Sattvische Lebensmittel sind biologisch, frisch, leicht und natürlich. Hierzu zählen Früchte, Gemüse und frische Kräuter, Getreide, Samen und Nüsse.

Im Gegensatz dazu sind fermentierte, scharfe Lebensmittel, Zucker, Alkohol und Fleisch rajasige Speisen, die das Gleichgewicht genauso stören können, wie tamasige Lebensmittel. Hierzu zählen unter anderem Fertigprodukte und aufgewärmtes Essen.

Auch sattvische Aktivitäten können das Gleichgewicht wieder herstellen. Unterstützend wirken sich unter anderem Spaziergänge in der Natur, Yoga, Meditation und ruhige Musik aus.

Rezeptidee für sattvisches Hafer-Porridge
mit Aprikosenkompott

Lass es dir schmecken!

ein gedeckter Tisch mit HaferPorridge von Nicole Krämer

Zutaten Kompott

Zutaten Porridge

Zubereitung

Du möchtest weitere Rezeptideen? Dann schau gerne in mein Buch „Zwei Handvoll – Meine Ayurvedaküche“.

Nach einer Einführung in die Grundprinzipien des Ayurveda gibt es dort jede Menge leckere, ayurvedische Rezepte. Das Buch kannst du HIER kaufen.

Du bist neugierig geworden und möchtest mehr über deine Konstitution erfahren? In meinen Beratungen erfährst Du nicht nur welche Konstitution, die deine ist, sondern auch welche Ernährungs- und Lebensweise dich in Balance hält. Melde dich gerne bei mir für ein Erstgespräch unter nicolekraemer@grosse-schwester.de

Zu sehen ist das Buchcover von Nicole Krämers Buch "Zwei Handvoll - Meine Ayurvedaküche"

Abschließend sei gesagt, dass Ayurveda keine einfache Lösung für Neurodivergenz bietet. Es soll auch keine neurologischen Unterschiede „behandeln“. Was dieses System jedoch leisten kann, ist etwas anderes. Es lädt dazu ein, den eigenen Körper und Geist individuell zu betrachten und zu verstehen. Durch Ayurveda kann man entdecken, welche Ernährung einem wirklich guttut, wie der eigene individuelle Energiehaushalt funktioniert, welche Lebensweise das Nervensystem unterstützt und wie man Reizüberflutung besser ausgleichen kann.

zu sehen ist ein Profilfoto von Nicole Krämer

Über mich

Ich heiße Nicole Krämer und bin vor vielen Jahren über Yoga zu Ayurveda gekommen.  Sofort war ich von der Wahrheit dieser Weisheitslehre begeistert. Eine Wahrheit die nicht nur mit dem Verstand erfasst wird, sondern im Herzen spürbar ist. 

Seit 2011 bin ich als Ayurvedatherapeutin und Ernährungsberaterin in eigener Praxis tätig. Als Ayurvedaköchin begleite ich seit 2016 Seminare und Kuren in Ayurvedakliniken, Gesundheitszentren, Klöstern und bei Yoga-Retreats.

Bis 2024 habe ich Kochkurse in meiner eigenen Kochschule in Siegburg gegeben und leite nun Kurse und Ayurveda-Retreats in ganz Europa.

HIER kommst du zu meiner Website.

Neuro… was? Ein kleiner Exkurs

Neurodivers, neurodivergent, neuroinklusiv…. In meiner persönlichen Bubble drehen sich aktuell viele Gespräche um genau diese Begriffe. Was ich grundsätzlich sehr begrüße und gleichzeitig manchmal schwierig finde. Denn oft werden die Begriffe unterschiedlich verwendet oder nicht klar definiert. Auch die Frage, was genau alles darunterfällt, wird je nach Kontext unterschiedlich beantwortet.

Deshalb vorab: Dieser Artikel hat keinen Anspruch auf Vollständigkeit und spiegelt meine eigenen Erfahrungen und Recherchen wider. Inhaltlich beziehe ich mich schwerpunktmäßig auf Hochsensibilität und Tätigkeiten am Rechner, wobei vieles auch auf weitere Neurodivergenzen und andere Berufsfelder übertragen werden kann.*

Diversity Management und Inklusion

Im beruflichen Kontext fallen häufig die Begriffe Diversity Management, Inklusion und DEIB (Diversity / Vielfalt, Equity / Chancengerechtigkeit, Inclusion / Inklusion und Belonging / Zugehörigkeit) und im Rahmen der Charta der Vielfalt befassen sich bereits viele Unternehmen mit diesen Themen. In der Umsetzung liegt hierbei jedoch der Fokus oft auf den Themen Geschlecht, Migrationsgeschichte und Nationalität, soziale Herkunft, körperliche Fähigkeiten, Religion und Weltanschauung, sexuelle Orientierung und Alter.  Ein Bereich wird jedoch noch zu wenig mitgedacht: Neurodiversität.

Dabei geht es meiner Meinung nach nicht (nur) um Diagnosen oder Kategorien. Sondern um die Erkenntnis, dass wir Menschen unterschiedlich funktionieren, und dass genau darin eine enorme Ressource für unsere Arbeitswelt liegen kann.

Studien belegen, dass diverse Teams leistungsfähiger, kreativer und innovativer sein können. Insbesondere dann, wenn Unterschiede nicht nur toleriert, sondern bewusst genutzt werden. Unterschiedliche Denkweisen ermöglichen neue Perspektiven, bessere Problemlösungen und oftmals auch mehr Innovationskraft.

Und genau hier beginnt Neurodiversität als Teil der Inklusion, sprich Neuroinklusion, als das Mitdenken und Gestalten der Arbeitswelt für neurodivergente Menschen.

Die Unterschiede im Wording

Die Begriffe Neurodiversität und neurodivers beschreiben die natürliche Vielfalt unsere Gehirne, also die unterschiedlichen Arten, wie wir denken, fühlen, wahrnehmen und Informationen verarbeiten. Es gibt Menschen, die denken schneller oder mehr um die Ecke, andere denken tiefer, manche brauchen viel Ruhe, andere Action und viele Sinneseindrücke. Und wieder andere fühlen anders, nehmen mehr wahr oder verarbeiten intensiver.

Innerhalb dieser Neurodiversität beschreibt Neurodivergenz und neurodivergent Menschen, deren neurologische Verarbeitung von der „neurotypischen“ Verarbeitung abweicht. Dazu zählen unter anderem: ADHS, Autismus-Spektrum, Legasthenie, Dyskalkulie, Hochbegabung, Tourette-Syndrom und – je nach aktueller Einordnung – eben auch Hochsensibilität (ich persönlich zähle sie ebenfalls dazu).

Schätzungen zufolge sind bis zu 20 % der Menschen neurodivergent, wobei die Verteilung nach neuesten Forschungsergebnissen nicht geschlechtsspezifisch ist. Neurodivergenz ist kein Randphänomen, sondern betrifft uns alle, denn wenn wir nicht selbst dazu zählen, so sind in unserem privaten wie beruflichen Umfeld neurodivergente Personen, oftmals ohne dass wir es wissen oder es auf den ersten Blick sichtbar ist. Zudem gibt es ein breites Spektrum in dieser Diversität.

Unsere Fähigkeiten und unsere Herausforderungen

Wir neurodivergenten Menschen bringen im Berufsleben oft besondere Fähigkeiten mit:

Gleichzeitig kann der Arbeitsalltag zur Herausforderung werden. Zum Beispiel durch:

Viele von uns passen sich an, um im Berufsalltag klarzukommen, mal bewusst und oft unbewusst. Wir maskieren. Dieses „Spielen“ und die Anstrengung dahinter geht jedoch oft auf Kosten unsere eigenen Energie und kann zu Erschöpfung oder im schlimmsten Fall Burnout führen.

Mein Aha-Erlebnis

Auch mir ging es lange so, da ich erst vor einigen Jahren meine Hochsensibilität erkannt habe. Eventuell schlummert bei mir auch ADHS, da ist sich mein Neurologe noch unsicher (die absurde Herangehensweise bei der Diagnostik und die langen Wartelisten für fundierte Meinungen sind ein anderes Thema und werde ich vielleicht noch in einem neuen Blogartikel beleuchten).

Seitdem habe ich mich jedoch stark in die Themen Neurodiversität, Hochsensibilität, ADHS (vor allem bei Frauen) und Neuroinklusion eingelesen und mein berufliches Umfeld weiter dahingehend für mich angepasst. Ich habe mir zum Ziel gesetzt, möglichst viele Menschen über Hochsensibilität im Speziellen und Neurodiversität im Allgemeinen in der Berufswelt aufzuklären, damit andere es leichter im Arbeitsalltag haben. Denn oft reichen das Wissen über unsere Unterschiede im Denken und Fühlen, kleine Anpassungen und ein bewussteres Gestalten unseres Arbeitsumfeldes, damit sich für uns etwas im Großen verändern kann und wir entspannter, zufriedener und letztendlich besser arbeiten können.

Was mir konkret geholfen hat, war zu verstehen, warum ich oft so gestresst, unzufrieden mit meiner Leistung und müde am Ende meines Arbeitstages war.

Nachdem ich das verstanden hatte, begann ich, meine Rahmenbedingungen anzupassen und mein Umfeld darüber zu informieren, was mir helfen würde, meine Konzentration besser zu halten und meine Energie mehr auf die Dinge richten zu können, die beruflich relevant sind.

Ich richtete Fokuszeiten ein und meine Kollegin übernahm, natürlich nach Absprache, in dieser Zeit mein Telefon. Mein Mailprogramm schloss ich, so dass nichts aufploppen konnte. Ich war zwar erreichbar, aber nicht zu jedem Zeitpunkt verfügbar. So konnte ich ohne äußere Unterbrechung konzentrierter an einem Vorgang arbeiten (was mir ja ohnehin eh schon oft schwerfällt, da meine Gedanken gerne von selbst abschweifen, da brauche ich noch nicht mal eine Unterbrechung von außen). In geräuschintensiven Phasen in meiner Zeit der Großraumbüro-Anstellung nutzte ich Noise-Cancelling Kopfhörer, um nicht jedes Telefonat oder Gespräche von meinem Team mitzubekommen. Auch hatten wir zum Glück oft die Möglichkeit im Homeoffice zu arbeiten, was ich dankend annahm und hier deutlich produktiver war als im Büro.

Selbständigkeit als Lösung?

Viele neurodivergente Menschen gehen irgendwann den Weg die Selbstständigkeit, weil sie dort ihre Arbeitsweise freier gestalten können. Auch ich habe (erst nebenberuflich) die Selbständigkeit für mich getestet und manches wurde besser und manches schlechter.

Das läuft gut: Ich kann meine Zeiten nun frei einteilen, nach meinen persönlichen Leistungshochs arbeiten und mir Pausen nehmen, wenn ich sie benötige. Ich kann je nach Bedürfnis im „stillen Kämmerlein“ oder im Gemeinschaftsbüro arbeiten. Niemand gibt mir Deadlines oder unklare Anweisungen, ich habe keine Vorgesetzten, deren Verhalten oder Ausführungen ich nicht verstehe oder kritisch hinterfrage. Teammeetings sind bereichernd und klar strukturiert. Und ich befasse mich inhaltlich zum größten Teil mit Themen, auf die ich richtig Lust habe, die mir Spaß machen und in denen ich meine Neugierde, Kreativität und Vielseitig ausleben kann.

Das ist ausbaufähig: Natürlich gibt es auch die andere Seite der Medaille. Meine innere Kritikerin ist sehr laut und ich stehe mir dank meines Imposter-Syndroms oft selbst im Weg und bin sehr umsetzungslahm. Struktur und Zeitmanagement sind weiterhin nicht mein Stärke. Monotone und langweilige Aufgaben sind an gewissen Tagen fast nicht machbar bzw. kosten viel Überwindung in der Umsetzung. Ich lasse mich unfassbar gern von allem Möglichen ablenken und brauche ewig, um banale Tätigkeiten zu beginnen…oder zu Ende zu machen. Gleichzeitig komme ich manchmal in den Hyperfokus und vergesse dann alles um mich herum und könnte ewig weiterarbeiten.

Mein Gamechanger ist hier das „Body-Doubling“ oder „digitales Coworking“. Ich verabrede mich live oder im Videocall mit Kolleginnen aus meinem Netzwerk und wir setzen uns jede an den eigenen Laptop und arbeiten konzentriert an unseren jeweiligen (ungeliebten) Aufgaben. Wir besprechen am Anfang, was wir in der kommenden Stunde erledigt bekommen möchten und dann geht’s los. Bei der Online-Variante heißt das: Kamera an und Ton aus. Nach einer Stunde besprechen wir, wie weit wir gekommen sind und was noch aussteht. Das Witzige ist: Das funktioniert. Als ob man sich selbst veräppelt, weil man es alleine nicht hinbekommt. Aber in der Gruppe merken wir alle, dass diese Fokuszeiten deutlich ertragreicher sind und Dinge, die man seit Tagen vor sich hergeschoben hat, erhalten eine Lösung oder einen Abschluss. An dieser Stelle DANKE an meine Coworking-Mädels, das ist immer super hilfreich!

Aber zurück zur Neuroinklusion im Angestelltenverhältnis

Nicht jede und jeder von uns möchte oder kann sich aus den verschiedensten Gründen selbständig machen. Gleichzeitig kann nicht jeder Arbeitsplatz ideal neuroinklusiv gestaltet werden. An der Kasse im Einzelhandel ist es nun einmal schwer, wenig mit der Kundschaft zu interagieren und „in Ruhe abzuarbeiten“. Als Lehrkraft kann ich nicht nach 10 Minuten Unterricht den Raum verlassen, weil ich eine Rückzugsmöglichkeit brauche. Als operierender Arzt oder Ärztin muss ich lange Zeit hoch konzentriert sein. Du verstehst, worauf ich hinaus möchte….

Und das bedeutet nicht, dass neurodivergente Menschen diese Berufsbilder nicht ausüben können oder aus Angst vor Versagen diese gar nicht erst erlernen sollten. Denn man kann auch dort gewisse Rahmenbedingen so gestalten, dass sie nicht zusätzlich Energie rauben. Neuroinklusion bedeutet nicht, dass plötzlich alles reizfrei und angepasst sein muss.

Neuroinklusive Arbeitsbedingungen können sein:

Ein unterstützendes Umfeld beginnt jedoch nicht bei Maßnahmen, sondern bei Haltung in der Führung und im Team

Für Vorgesetzte kann dies bedeuten:

Für Teammitglieder kann dies bedeuten:

Wie kann eine gute Kommunikation von Führungskräften und Teammitgliedern aussehen?

Vielfalt gestalten

Für die Arbeitswelt bedeutet Neuroinklusion jede Person im Idealfall so zu unterstützen und fördern, dass sie ihr Bestes geben kann und möchte. Was neurodivergenten Menschen hilft, kann letztendlich auch dem Rest des Teams helfen. Zumindest wäre es einen Versuch wert, zu schauen, ob die Maßnahmen neurotypische Menschen stören oder sie sie gar positiv oder zumindest neutral bewerten.

Denn letztendlich kann eine gelebte Neuroinklusion ein Gewinn für alle sein und somit als Ressource genutzt werden. Unternehmen können ihre Position als Arbeitgebermarke stärken und neue Talente für sich gewinnen. Und vielleicht ist genau das die Zukunft von Arbeit, denn eine Arbeitswelt, die Vielfalt zulässt, wird nicht nur inklusiver, sondern kreativer und langfristig gesünder und wettbewerbsfähiger.

Möchtest du mehr über Neuroinklusion erfahren und tiefer in die Thematik einsteigen?

Dann nimm gerne Kontakt zu mir auf (Mail an mich) und wir besprechen die weiteren Schritte für eine individuelle Beratung in deinem Unternehmen. In meinen Beratungen vermittle ich das Wissen aus meiner eigenen neurodivergenten Arbeitnehmerin-Sicht und gebe konkrete Tipps und Tools für Teams und Vorgesetzte für eine neuroinklusivere Arbeitswelt.

Portrait von Miriam von dem Bruch, Mentorin in unserem Große Schwester Netzwerk für Hochsensibilität.

Filme und Informationen über Neuroinklusion

(Jeweils unbezahlte und unbeauftragte Werbung da Nennung)

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* Nachtrag

Meine Gedanken zur Einordnung von Hochsensibilität und Neurodiversität: Mir ist bewusst, dass die Einordnung von Hochsensibilität ein teils kontrovers diskutiertes Thema ist. Hochsensibilität ist weder im ICD-10 noch im ICD-11 als Diagnose oder Krankheitsbild aufgeführt, sondern gilt aktuell als Persönlichkeitsmerkmal.

Immer öfter bekomme ich jedoch mit, dass Hochsensiblen Ableismus vorgeworfen wird: Die Begrifflichkeit Hochsensibilität würde als „schönere Begriffs-Schwester“ von ADHS gesehen, da Hochsensibilität eine gesellschaftlich akzeptiertere Bezeichnung für ADHS sei und Hochsensible würden sich bewusst von einer möglichen ADHS-Diagnose distanzieren, weil diese stärker stigmatisiert sei.

Ich habe dank meiner Einordnung und Erkenntnis meiner Hochsensibilität viel über mich gelernt und mir hat es sehr geholfen zu verstehen, dass viele andere Menschen auch eine Vielbegabung und viele Interessensgebiete/ Scanner-Persönlichkeit haben. Dies war entsprechend mein Einstiegstor in eine neue Welt.

Die Forschung rund um (gerade weibliche) ADHS im Erwachsenenalter steckt noch in den Kinderschuhen und meiner Meinung kann es einen Zusammenhang zwischen ADHS und HSP geben, muss es aber nicht. Ebenso bei Migräne: Migränegehirne sind reizoffener, aber sind dadurch alle Migräne-Geplagten hochsensibel oder haben ADHS? Ich stehe dem Thema ADHS offen gegenüber und halte einen individuellen Blick für wichtig.

Daher würde ich mir einen offenen Umgang mit diesen Themen wünschen und dass wir uns gegenseitig so anerkennen, wie wir sind, statt uns aufgrund des Wordings zu verurteilen oder per se Ableismus vorzuwerfen. Viel mehr sollten wir alle uns doch dafür feiern, dass wir uns mit uns beschäftigen, uns entwickeln möchten und uns neu entdecken für ein glücklicheres, entspannteres, verständnisvolleres und unterstützendes Miteinander für neurotypische wie neurodivergente Menschen gleichermaßen, unabhängig vom Wording oder Diagnostik.