Vielfalt verstehen: Wie Ayurveda und die passende Ernährung dich bei Hochsensibilität unterstützen können
Jeder Mensch hat eine eigene Art zu denken, zu lernen, wahrzunehmen und zu fühlen. Jedes Nervensystem verarbeitet Reize anders. Diese Unterschiede sind ein normaler Teil menschlicher Vielfalt. Dies wird als Neurodiversität bezeichnet. Im Spektrum der Neurodiversität finden wir auch neurodivergente Formen wie ADHS, Autismus, Hochsensibilität und Dyslexie. Der neurodivergente Ansatz betrachtet diese Unterschiede nicht als Störung oder Defizit, sondern als Variante mit eigenen Stärken und Herausforderungen.

Dieses Konzept, dass neurologische Unterschiede natürlich sind und keine Krankheit darstellen ist nicht gänzlich neu. Ayurveda das älteste Gesundheitssystem der Welt verfolgt eine ähnliche Idee. Die Wurzeln des Ayurveda, wörtlich übersetzt, das Wissen vom Leben, liegen in Indien. Die Ursprünge sind in den 5000 Jahre alten Veden und der Sankhya-Philosophie zu finden. Doch deshalb ist Ayurveda keineswegs nur ein rein philosophisches oder spirituelles Konzept. Auch wenn Ayurveda vor allem auf die Gesunderhaltung also die Prävention wert legt, kennt die Ayurvedamedizin Anatomie, Pathologie und Diagnostik. Therapien wie die Chirurgie, Anästhesie, Toxikologie und Ausleitungsverfahren wurden schon vor Jahrtausenden praktiziert. Sogar die Ursprünge der Akupunktur liegen in diesem Medizinsystem. Ebenso haben Kräuter- und Ernährungsheilkunde und Psychotherapie ihren Platz darin. Das, was Ayurveda von der westlichen Medizin im Wesentlichen unterscheidet, ist der ganzheitliche Ansatz. In erster Linie geht es um den einzelnen Menschen und sein Gleichgewicht.
Im Ayurveda wird jeder Mensch individuell betrachtet. Jeder hat nach ayurvedischer Sichtweise eine ganz ihm eigene individuelle Konstitution, die sich sowohl auf den Körper als auch auf den Stoffwechsel und das Nervensystem bezieht. Im Falle einer Störung möchte Ayurveda nicht angleichen, sondern die eigene individuelle Balance wieder herstellen. Dies geschieht in erster Linie präventiv über den Lebensstil und die Ernährung. Da sowohl Lebensstil als auch Ernährung direkten Einfluss auf den Körper, das Nervensystem und somit auch auf den Geist haben, kann die richtige Ernährung helfen, Energie zu stabilisieren und das innere Gleichgewicht zu unterstützen.
Drei Doshas und drei Gunas
Die Grundlage dieser individuellen Konstitution im Ayurveda ist das System der drei Doshas – Vata, Pitta und Kapha, sowie den drei Gunas – Sattva, Rajas und Tamas. Jeder Mensch hat von Geburt an, eine eigene individuelle Verteilung dieser Kräfte. Dies beeinflusst, wie er denkt, handelt und fühlt und ebenso, was er braucht.
Gerade im Zusammenhang mit Neurodiversität und Neurodivergenz kann dieser Aspekt spannend sein, da er nicht bewertet, sondern Verständnis schafft.
Vata
Vata ist das Dosha dem die Elementen Luft und Raum zu Grunde liegen. So wie die Eigenschaften dieser beiden Elemente ist auch das Vatadosha – weit, klar, schnell, beweglich, kalt und flüchtig.
Auf den menschlichen Körper übertragen finden wir Vata überall dort, wo Raum und Bewegung ist. Alle Hohlräume, Gelenke, das Lungensystem und vor allem das blitzschnelle Nervensystem werden von Vata dominiert. Ein Mensch in dem Vata sehr aktiv ist, ist von Natur aus schnell im Denken, Reden und Handeln. Er ist kreativ, neugierig und sensibel. Gerät das Vata aus der Balance kann dies zu Überstimulation, Nervosität, Ängsten, Unruhe und Erschöpfung führen.

Regelmäßigkeit, Pausen und warme Mahlzeiten können das System wieder in die Balance bringen.
Für den trockenen Vatatyp geeignet sind vor allem Suppen, Saucen und Porridges.
Viele neurodivergente Menschen erkennen sich sicher in Teilen dieser Beschreibung wieder – besonders bei Themen wie Reizverarbeitung, Gedankensprüngen oder intensiver Kreativität.
Pitta
Pitta ist das Dosha dem die Elemente Feuer und Wasser zu Grunde liegen. Im Körper werden Stoffwechselfunktionen, Intelligenz und das Hormonsystem von Pitta reguliert. Also alle Vorgänge die mit Wandlung, Transformation und Wärme zu tun haben.
Menschen mit hohem Pittaanteil können tief in Themen eintauchen, sind intelligent und haben in der Regel eine gute Konzentrationsfähigkeit.

Gerät das Pitta aus dem Gleichgewicht hat dies Stress, Gereiztheit und Ärger zur Folge.
Wieder in die Balance bringt man ein überhöhtes Pitta durch kühlende Nahrungsmittel, Bitterstoffe und Sport. Die starke Pittaverdauung verträgt auch einen Salat zum Mittagessen.
Viele neurodivergente Menschen berichten von Hyperfokus-Phasen, intensiven Spezialinteressen oder sehr klar strukturiertem Denken – Aspekte, die typische Pitta-Qualitäten sind.
Kapha
Kapha, das Dosha, dem Erde und Wasser als Elemente zugeordnet werden, hat unter anderem die Eigenschaften langsam, zäh, kalt und schleimig. Routine, Struktur und Stabilität sind ganz typisch für Kapha. Das betrifft auch den Körper. Alles, was den eigentlichen Körper bildet, wie Knochen, Fett und Bindegewebe gehören zu diesem Dosha, sowie die Schleimhäute, die dem Kapha zugeordnet werden.
Ein Mensch mit einem hohen Kaphaanteil ist strukturiert, geerdet, mit einem guten Gedächtnis und einem guten Immunsystem gesegnet. Übernimmt das Kapha aber die Oberhand gerät das System aus der Balance. Dann dominieren Übergewicht, Trägheit und Antriebslosigkeit.
Regelmäßige Bewegung, Wärme und anregende, leichte Speisen halten Kapha im Gleichgewicht. Kapha setzt im Idealfall auf leichte Speisen, bittere Gemüsesorten und scharfe Gewürze.
Im neurodivergenten Kontext können Kapha-Qualitäten beispielsweise bei Menschen sichtbar sein, die stark routineorientiert arbeiten, tiefe Ausdauer in Spezialinteressen entwickeln oder ein besonders stabiles Gedächtnis besitzen.

Das mentale Gleichgewicht der Gunas
Neben den körperbetonten Doshas, beschreibt Ayurveda auch drei grundlegende Qualitäten des Geistes, die sogenannten Gunas – Sattva, Rajas und Tamas. Anders als die Doshas, die unsere individuelle und unveränderbare Natur ausmachen, sind die drei Gunas in ständigem Wandel.
Dabei steht Sattva für die Harmonie, Ruhe, Klarheit und die Balance. Rajas ist aktiv, beschreibt Bewegung und Energie. Tamas ist das Gegenteil davon, es steht für Schwere und Trägheit. Alle drei Qualitäten gehören zum menschlichen Erleben und sollten sich auf gesunde Weise abwechseln.
Im Beruf dominiert Rajas und wir sind aktiv, im Schlaf dominiert Tamas. Sattva hält diese gesunden Qualitäten im Gleichgewicht. Jedoch können, ähnlich wie die Doshas, auch die Gunas aus der Balance geraten. Besonders auch bei neurodivergenten Menschen können stärkere Schwankungen auftreten – zum Beispiel zwischen Phasen intensiver Aktivität und Phasen tiefer Erschöpfung.
Ayurveda versucht nicht, diese Dynamik zu unterbinden, sondern fragt:
Wie kann mehr Sattva, also mehr Gleichgewicht, entstehen?
Ein wichtiger Faktor ist auch hier wieder die Ernährung. Sattvische Lebensmittel sind biologisch, frisch, leicht und natürlich. Hierzu zählen Früchte, Gemüse und frische Kräuter, Getreide, Samen und Nüsse.
Im Gegensatz dazu sind fermentierte, scharfe Lebensmittel, Zucker, Alkohol und Fleisch rajasige Speisen, die das Gleichgewicht genauso stören können, wie tamasige Lebensmittel. Hierzu zählen unter anderem Fertigprodukte und aufgewärmtes Essen.
Auch sattvische Aktivitäten können das Gleichgewicht wieder herstellen. Unterstützend wirken sich unter anderem Spaziergänge in der Natur, Yoga, Meditation und ruhige Musik aus.
Rezeptidee für sattvisches Hafer-Porridge
mit Aprikosenkompott
Lass es dir schmecken!

Zutaten Kompott
- 4 frische Aprikosen
- ½ TL Kokosöl
- 1 Prise Safran
- 1 EL Jaggery
- 50 ml heißes Wasser
Zutaten Porridge
- 40 g zarte Haferflocken
- ½ TL Kokosöl
- Je 1 Messerspitze Zimt, Kardamom und Vanille
- 1 Prise Vanillesalz
- 150-200 ml Haferdrink
- 50-100 ml heißes Wasser
- 1 EL Jaggery
Zubereitung
- Die Aprikosen waschen, entkernen und in mundgerechte Stücke schneiden.
- Das Öl in einem kleinen Topf erhitzen und die Obststücke mit dem Safran dazugeben. Jaggery darüber streuen und unter Rühren karamellisieren lassen.
- Mit dem Wasser ablöschen und das Kompott auf kleiner Flamme köcheln lassen, bis die Aprikosen weich sind.
- Für das Porridge das Öl in einem anderen Topf erhitzen und die Gewürze kurz darin anrösten.
- Das Getreide dazugeben, mit der Hafermilch und dem Wasser aufgießen und köcheln lassen, bis eine cremige Konsistenz erreicht ist. Währenddessen das Jaggery unterrühren.
Du möchtest weitere Rezeptideen? Dann schau gerne in mein Buch „Zwei Handvoll – Meine Ayurvedaküche“.
Nach einer Einführung in die Grundprinzipien des Ayurveda gibt es dort jede Menge leckere, ayurvedische Rezepte. Das Buch kannst du HIER kaufen.
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Abschließend sei gesagt, dass Ayurveda keine einfache Lösung für Neurodivergenz bietet. Es soll auch keine neurologischen Unterschiede „behandeln“. Was dieses System jedoch leisten kann, ist etwas anderes. Es lädt dazu ein, den eigenen Körper und Geist individuell zu betrachten und zu verstehen. Durch Ayurveda kann man entdecken, welche Ernährung einem wirklich guttut, wie der eigene individuelle Energiehaushalt funktioniert, welche Lebensweise das Nervensystem unterstützt und wie man Reizüberflutung besser ausgleichen kann.

Über mich
Ich heiße Nicole Krämer und bin vor vielen Jahren über Yoga zu Ayurveda gekommen. Sofort war ich von der Wahrheit dieser Weisheitslehre begeistert. Eine Wahrheit die nicht nur mit dem Verstand erfasst wird, sondern im Herzen spürbar ist.
Seit 2011 bin ich als Ayurvedatherapeutin und Ernährungsberaterin in eigener Praxis tätig. Als Ayurvedaköchin begleite ich seit 2016 Seminare und Kuren in Ayurvedakliniken, Gesundheitszentren, Klöstern und bei Yoga-Retreats.
Bis 2024 habe ich Kochkurse in meiner eigenen Kochschule in Siegburg gegeben und leite nun Kurse und Ayurveda-Retreats in ganz Europa.
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